Freies mündliches Erzählen – ist das nicht längst überholt?
Seit jeher wurden Geschichten von Mund zu Ohr erzählt und von Mund zu Mund geteilt. Bis schließlich der Buchdruck erfunden wurde und immer mehr Menschen das Lesen und Schreiben beherrschten.
Mittlerweile ist neben Büchern die Vielfalt der Medien, über die mehr Geschichten geteilt werden denn je zuvor, schier überbordend – unzählige Radio- und Fernsehsender, Kinosäle, YouTube-Kanäle und nicht zuletzt die etlichen Kurzgeschichten, die auf TikTok, Instagram und co täglich geteilt werden.
Warum also zurückfallen in diese uralte Kulturtechnik, Geschichten unmittelbar, direkt und mündlich frei zu erzählen? Ist eine mündliche Erzähltradition nicht längst überholt?
Eine Antwort lässt sich am besten – wie kann es anders sein bei einer Erzählerin? – mit einer Geschichte geben:
In Afrika lebte ein Stamm in der abgelegenen Savanne noch wie zur Zeit ihrer Vorfahren. Alle Arbeit wurde ganz ohne Strom nur von Hand erledigt, und abends kam das ganze Dorf zusammen und lauschte dem Geschichtenerzähler. Ein Anthropologe erfuhr davon und machte sich auf die Reise zu dem fernen Dorf, um die altertümliche Lebensweise zu studieren. Doch kurz darauf beschloss die Regierung des Landes, das Dorf zu elektrifizieren, um allen das Leben zu erleichtern. Der Anthropologe war Zeuge, wie der erste Fernseher ankam. Wochenlang schauten die Dorfbewohner non-stop TV.
Doch dann kam einer nach dem andern zu dem alten Geschichtenerzähler am Lagerfeuer zurück. Vor dem Fernseher saß keiner mehr, außer dem überraschten Anthropologen. Irritiert erinnerte er sie daran, dass das Fernsehen doch so viel mehr Geschichten zu erzählen hatte als der alte Mann.
„Das stimmt schon“, erwiderte einer, „das TV-Ding kennt mehr Geschichten – aber der Geschichtenerzähler kennt mich.“
(So erzählt von Dan Yashinsky)
In diesem Sinne – vielleicht begegnen wir uns ja einmal, bei einem Geschichtenabend oder einem Workshop, und lernen uns kennen. Denn unmittelbar frei mündlich erzählte Geschichten werden nicht alleine durch mich als Erzählerin lebendig, sondern erst durch das aktive Zuhören des Publikums.

