Logbuch

Illustration einer Baumscheibe mit Jahresringen und kleinem Seitenaustrieb als Symbol für die Tradition des mündlichen freien Geschichtenerzählens

NOTIZEN EINER ERZÄHLERIN

Hier sammle ich Gedanken zum freien mündlichen Erzählen, Einblicke in meine Arbeit als Erzählerin und Mentorin, Geschichten hinter den Geschichten sowie kleine Beobachtungen aus Natur, Alltag und Erzählpraxis.

Wie in einem Logbuch entstehen die Einträge nicht regelmäßig, sondern immer dann, wenn etwas erzählenswert wird.

  • Notizen einer Erzählerin

    Notizen einer Erzählerin

    UNTERWEGS

    Je länger ich an dem Erzählabend Das vergessene Lied arbeite, desto mehr merke ich, dass ich nicht nur ein Geschichtenprogramm zusammenstelle.

    Ich übe eine Art des Unterwegsseins.

    Draußen im Wald bewege ich mich mit Eulenblick.

    Er lädt mich ein, den Kopf zu drehen, den Blick zu weiten, näher heranzutreten und wieder Abstand zu gewinnen. Vertrautes noch einmal anzusehen, bis sich Zusammenhänge zeigen, die vorher verborgen waren.

    Ich gehe im Fuchsgang.

    Leise werden.
    So leise, dass nicht mehr ich den Wald fülle, sondern der Wald zu mir sprechen kann.

    Wenn ich so gehe, höre ich Geräusche, die vorher im Rascheln meiner eigenen Schritte untergingen. Manchmal werden so Begegnungen möglich, die sich nicht erzwingen lassen.

    Mit Geschichten ist es erstaunlich ähnlich.

    Manche von ihnen begleiten mich seit Jahren. Ich kenne ihren Anfang und ihr Ende, ihre Pausen und ihre Bilder. Ich kann sie erzählen, ohne lange nachzudenken.

    Aber für Das vergessene Lied genügt mir das nicht.

    Ich gehe mit den einzelnen Geschichten noch einmal in den Wald.

    Mit Eulenblick und im Fuchsgang.

    Erst wenn ich in mir leiser werde, beginnt eine Geschichte, in ihrem eigenen Kosmos lebendig zu werden. Dann höre ich plötzlich Stimmen, die ich vorher überhört habe. Eine Figur, die bisher am Rand stand, tritt einen Schritt nach vorn. Ein Satz bekommt ein anderes Gewicht. Eine Erinnerung beginnt, mit einer anderen Geschichte zu sprechen.

    Für mich ist das der Moment, in dem Erzählen lebendig wird.

    Nicht, weil ich der Geschichte meinen Willen gebe.
    Auch nicht, weil ich mich ihr einfach ausliefere.

    Im gemeinsamen Unterwegssein geschieht etwas, das ich am Erzählen am meisten liebe.

    Die Geschichte und ich kommen miteinander ins Gespräch.

    Sie bringt ihre Bilder, ihre Erinnerungen und ihre uralte Weisheit mit.
    Ich bringe meine Erfahrungen, meine Fragen und alles mit, was das Leben in mir zum Klingen gebracht hat.

    Wir hören einander zu.

    Nach und nach setzen sich andere mit ans Feuer.

    Menschen, die gekommen sind, um zuzuhören.
    Sie bringen ebenfalls etwas mit.

    Ihre Erinnerungen.
    Ihre Fragen.
    Ihre Sehnsüchte.
    Ihre Freude.
    Ihre Trauer…

    Während sie lauschen, entsteht zwischen uns ein gemeinsamer Raum. Ein Raum, in dem die Geschichte, das Publikum und ich einander gegenseitig zuhören.

    Wenn alles gut geht, entsteht dann dieses kaum wahrnehmbare Gefühl, dass wir alle gerade dasselbe erleben.

    In diesem Augenblick gehört die Geschichte niemandem mehr allein.
    Sie wird zu etwas Gemeinsamen.

    Genau das ist für mich lebendiges Erzählen.
    Nicht, eine Geschichte möglichst wortgetreu wiederzugeben.

    Sondern einen Raum zu öffnen, in dem Geschichte, Erzählerin und Publikum einander begegnen dürfen.

  • Im Anfang war das Wort

    Im Anfang war das Wort

    Freies mündliches Erzählen – ist das nicht längst überholt?

    Seit jeher wurden Geschichten von Mund zu Ohr erzählt und von Mund zu Mund geteilt. Bis schließlich der Buchdruck erfunden wurde und immer mehr Menschen das Lesen und Schreiben beherrschten.

    Mittlerweile ist neben Büchern die Vielfalt der Medien, über die mehr Geschichten geteilt werden denn je zuvor, schier überbordend – unzählige Radio- und Fernsehsender, Kinosäle, YouTube-Kanäle und nicht zuletzt die etlichen Kurzgeschichten, die auf TikTok, Instagram und co täglich geteilt werden.

    Warum also zurückfallen in diese uralte Kulturtechnik, Geschichten unmittelbar, direkt und mündlich frei zu erzählen? Ist eine mündliche Erzähltradition nicht längst überholt?

    Eine Antwort lässt sich am besten – wie kann es anders sein bei einer Erzählerin? – mit einer Geschichte geben:

    In Afrika lebte ein Stamm in der abgelegenen Savanne noch wie zur Zeit ihrer Vorfahren. Alle Arbeit wurde ganz ohne Strom nur von Hand erledigt, und abends kam das ganze Dorf zusammen und lauschte dem Geschichtenerzähler. Ein Anthropologe erfuhr davon und machte sich auf die Reise zu dem fernen Dorf, um die altertümliche Lebensweise zu studieren. Doch kurz darauf beschloss die Regierung des Landes, das Dorf zu elektrifizieren, um allen das Leben zu erleichtern. Der Anthropologe war Zeuge, wie der erste Fernseher ankam. Wochenlang schauten die Dorfbewohner non-stop TV.
    Doch dann kam einer nach dem andern zu dem alten Geschichtenerzähler am Lagerfeuer zurück. Vor dem Fernseher saß keiner mehr, außer dem überraschten Anthropologen. Irritiert erinnerte er sie daran, dass das Fernsehen doch so viel mehr Geschichten zu erzählen hatte als der alte Mann.

    „Das stimmt schon“, erwiderte einer, „das TV-Ding kennt mehr Geschichten – aber der Geschichtenerzähler kennt mich.“

    (So erzählt von Dan Yashinsky)

    In diesem Sinne – vielleicht begegnen wir uns ja einmal, bei einem Geschichtenabend oder einem Workshop, und lernen uns kennen. Denn unmittelbar frei mündlich erzählte Geschichten werden nicht alleine durch mich als Erzählerin lebendig, sondern erst durch das aktive Zuhören des Publikums.

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