Wenn ich spazieren gehe, gehe ich meist nicht einfach nur durch Wiesen, Felder und Wald. Oft streune ich absichtslos herum und lasse mich von meiner Neugier leiten. Dann ist das Motto, immer der Nase nach, beziehungsweise, ruhig werden, auf innere Impulse achten, wo zieht es mich heute hin?
Manchmal praktiziere ich einen Naturgang, bei dem ich mir vorher einen klaren Impuls setze, Das kann ein Satz sein, der zur Jahreszeit passt, ein Gedanke, der für meine momentane Situation oder Stimmung steht, oder nur ein Gefühl, das sich fragend nach oben drängt. Dann achte ich auf das, was mir in der natürlichen Welt begegnet und was es gerade in mir auslöst. Zuhause notiere ich mir dann, was war, und versuche, meine Naturgang-Geschichte in einem Satz zusammenzufassen. Die Natur fungiert hierbei als mein Resonanzraum.
Oft erhalte ich erstaunliche Antworten, die mich weitertragen.
Vielleicht ist es mehr ein Hineinhören in mich selbst. In jedem Fall verbindet es mich mit dem Rhythmus der Natur. Das Beobachten, was Tiere und Pflanzen gerade machen, ob sie Winterruhe halten, Vorräte sammeln, brüten, Junge großziehen, Samen keimen, erblühen, Früchte reifen, Blätter fallen lassen, macht mir oft die vielfältigen Qualitäten der Jahreszeiten bewusst. Und zeigt mir oft, wo ich aktiv werden sollte, wann Pausen angesagt sind, wann Erschöpfung ganz natürlich ist und ich vielleicht einfach einmal Ruhe geben sollte, was jetzt gar tatsächlich dran ist…
Anfang August war das Fest der Schnitterin. Die Schnitterin erntet, aber sie schneidet auch, was nicht mehr lebensdienlich ist, was losgelassen werden will.
Dieses Loslassen kann manchmal sehr schmerzhaft sein. Und dieses Jahr war viel Loslassen. Zwei liebe Menschen, die gingen. Mein Hund, der nach nicht ganz zwölf Jahren treuer Begleitung über die Regenbogenbrücke gereist ist…
Ich ging über meine Schwelle in den Wald. Was hält mich? Was erdet mich?
Ich streifte herum und legte mich, weil die Gedanken im Kopf lauter waren als die Natur, an einem geschützten Platz unter einen Baum auf die Erde und schloss die Augen.

Die Erde war warm und trocken. Sie bot mir gemeinsam mit dem schattigen Laub des Baumes Geborgenheit und Halt. Der warme Sommerwind strich über meine Haut.
Ich weiß nicht, wie lange ich da lag und lauschte. Ich weiß nur, dass auf einmal eine Textzeile in mir war.
„Ich glaube, dass Bäume sprechen können…“
In mir fing ein Lied zu summen an. Erst leise, dann immer deutlicher und klarer.
Irgendwann stand ich auf und ging mit einem Lächeln zurück über die Schwelle.
Das Lied begleitete mich.
Zuhause schrieb ich es auf, spielte die Melodie auf der Gitarre, sang das Lied, das mir der Wald geflüstert hatte: Ich glaube…
Vielleicht begleitet es auch dich und berührt etwas in dir. Dann freue ich mich, wenn du mir schreibst.
