mit Dania Horky – Erzählmentoring, Erzählabende und Geschichtenmomente rund um freies mündliches Erzählen

Kategorie: Geschichten

  • Antworten aus dem Wald

    Wenn ich spazieren gehe, gehe ich meist nicht einfach nur durch Wiesen, Felder und Wald. Oft streune ich absichtslos herum und lasse mich von meiner Neugier leiten. Dann ist das Motto, immer der Nase nach, beziehungsweise, ruhig werden, auf innere Impulse achten, wo zieht es mich heute hin?

    Manchmal praktiziere ich einen Naturgang, bei dem ich mir vorher einen klaren Impuls setze, Das kann ein Satz sein, der zur Jahreszeit passt, ein Gedanke, der für meine momentane Situation oder Stimmung steht, oder nur ein Gefühl, das sich fragend nach oben drängt. Dann achte ich auf das, was mir in der natürlichen Welt begegnet und was es gerade in mir auslöst. Zuhause notiere ich mir dann, was war, und versuche, meine Naturgang-Geschichte in einem Satz zusammenzufassen. Die Natur fungiert hierbei als mein Resonanzraum.

    Oft erhalte ich erstaunliche Antworten, die mich weitertragen.

    Vielleicht ist es mehr ein Hineinhören in mich selbst. In jedem Fall verbindet es mich mit dem Rhythmus der Natur. Das Beobachten, was Tiere und Pflanzen gerade machen, ob sie Winterruhe halten, Vorräte sammeln, brüten, Junge großziehen, Samen keimen, erblühen, Früchte reifen, Blätter fallen lassen, macht mir oft die vielfältigen Qualitäten der Jahreszeiten bewusst. Und zeigt mir oft, wo ich aktiv werden sollte, wann Pausen angesagt sind, wann Erschöpfung ganz natürlich ist und ich vielleicht einfach einmal Ruhe geben sollte, was jetzt gar tatsächlich dran ist…

    Anfang August war das Fest der Schnitterin. Die Schnitterin erntet, aber sie schneidet auch, was nicht mehr lebensdienlich ist, was losgelassen werden will.

    Dieses Loslassen kann manchmal sehr schmerzhaft sein. Und dieses Jahr war viel Loslassen. Zwei liebe Menschen, die gingen. Mein Hund, der nach nicht ganz zwölf Jahren treuer Begleitung über die Regenbogenbrücke gereist ist…

    Ich ging über meine Schwelle in den Wald. Was hält mich? Was erdet mich?

    Ich streifte herum und legte mich, weil die Gedanken im Kopf lauter waren als die Natur, an einem geschützten Platz unter einen Baum auf die Erde und schloss die Augen.

    Dania liegt unter einem Baum auf der Erde.

    Die Erde war warm und trocken. Sie bot mir gemeinsam mit dem schattigen Laub des Baumes Geborgenheit und Halt. Der warme Sommerwind strich über meine Haut.

    Ich weiß nicht, wie lange ich da lag und lauschte. Ich weiß nur, dass auf einmal eine Textzeile in mir war.

    „Ich glaube, dass Bäume sprechen können…“

    In mir fing ein Lied zu summen an. Erst leise, dann immer deutlicher und klarer.

    Irgendwann stand ich auf und ging mit einem Lächeln zurück über die Schwelle.
    Das Lied begleitete mich.

    Zuhause schrieb ich es auf, spielte die Melodie auf der Gitarre, sang das Lied, das mir der Wald geflüstert hatte: Ich glaube…

    Vielleicht begleitet es auch dich und berührt etwas in dir. Dann freue ich mich, wenn du mir schreibst.

  • Im Anfang war das Wort

    Im Anfang war das Wort

    Freies mündliches Erzählen – ist das nicht längst überholt?

    Seit jeher wurden Geschichten von Mund zu Ohr erzählt und von Mund zu Mund geteilt. Bis schließlich der Buchdruck erfunden wurde und immer mehr Menschen das Lesen und Schreiben beherrschten.

    Mittlerweile ist neben Büchern die Vielfalt der Medien, über die mehr Geschichten geteilt werden denn je zuvor, schier überbordend – unzählige Radio- und Fernsehsender, Kinosäle, YouTube-Kanäle und nicht zuletzt die etlichen Kurzgeschichten, die auf TikTok, Instagram und co täglich geteilt werden.

    Warum also zurückfallen in diese uralte Kulturtechnik, Geschichten unmittelbar, direkt und mündlich frei zu erzählen? Ist eine mündliche Erzähltradition nicht längst überholt?

    Eine Antwort lässt sich am besten – wie kann es anders sein bei einer Erzählerin? – mit einer Geschichte geben:

    In Afrika lebte ein Stamm in der abgelegenen Savanne noch wie zur Zeit ihrer Vorfahren. Alle Arbeit wurde ganz ohne Strom nur von Hand erledigt, und abends kam das ganze Dorf zusammen und lauschte dem Geschichtenerzähler. Ein Anthropologe erfuhr davon und machte sich auf die Reise zu dem fernen Dorf, um die altertümliche Lebensweise zu studieren. Doch kurz darauf beschloss die Regierung des Landes, das Dorf zu elektrifizieren, um allen das Leben zu erleichtern. Der Anthropologe war Zeuge, wie der erste Fernseher ankam. Wochenlang schauten die Dorfbewohner non-stop TV.
    Doch dann kam einer nach dem andern zu dem alten Geschichtenerzähler am Lagerfeuer zurück. Vor dem Fernseher saß keiner mehr, außer dem überraschten Anthropologen. Irritiert erinnerte er sie daran, dass das Fernsehen doch so viel mehr Geschichten zu erzählen hatte als der alte Mann.

    „Das stimmt schon“, erwiderte einer, „das TV-Ding kennt mehr Geschichten – aber der Geschichtenerzähler kennt mich.“

    (So erzählt von Dan Yashinsky)

    In diesem Sinne – vielleicht begegnen wir uns ja einmal, bei einem Geschichtenabend oder einem Workshop, und lernen uns kennen. Denn unmittelbar frei mündlich erzählte Geschichten werden nicht alleine durch mich als Erzählerin lebendig, sondern erst durch das aktive Zuhören des Publikums.

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